Roberta 7 - Short Stories
Warum

Es ist wieder Freitag, Matuschek sitzt in seinem TAXI,  hört Radio, WDR 3, die senden um diese Zeit nur Klassik, das ist genau die Atmosphäre die Matuschek zum Lesen und Warten braucht. 
Gerade war er beim ARAL Shop, die haben den besten Kaffeeautomaten der Welt, manchmal fährt er 10.000 Meter, nur für diesen Kaffee, den SPIEGEL hat er durch, was sah er da, ARAL hat jetzt auch die Highlights des Paperbook Bereichs, z.B. Nick Hornbys "High Fidelity", wollte er schon immer mal lesen, also Kaffee gezogen, Buch gekauft, Kippchen gedreht und weiter. 
Rob, aus "High Fidelity" beschreibt gerade seine Jugendlieben, etwas langatmig, da hört Matuschek lautes Geschrei, bevor er aufschauen und das ganze einordnen kann, öffnet sich schon die Wagentür und eine nicht unattraktive junge Frau steigt, oder vielmehr fliegt, ein. 
-: "Los fahr" 
Matuschek legt Wert auf gute Umgangsformen. 
-: "Guten Abend, mein Name ist Matuschek, Igor Matuschek, wo möchten sie den hin?" 
-: "Mann, halt die Klappe, verriegele die Tür, fahr los." 
-: "Ähh ja, wohin den nun schöne Frau?" 
-: "Fahr!!" 
Gut, das Mädchen hat wohl wirklich Angst, sind wir heute mal großzügig und überhören die letzten Worte, von diesem Halteplatz kann nur rechts abgebogen werden, aber nach 10 Metern muß man sich entscheiden, geradeaus oder links. Matuschek fährt los und als er einen wutentbrannten Mann, mittleren Alters auf das TAXI zurasen sieht, verriegelt er auch die Tür, Matuscheks TAXI hat Zentralverriegelung. 
-: "Kennst du den?" 
-: "Fahr Mann!" 
-: "Die Ampel zeigt rot, wir können den auch mitnehmen." 
-: "Fahr!"
-: "Ja, jetzt zeigt die Ampel grün, ich fahr dann erstmal geradeaus." 
-: "Bitte" 
-: "Kein Problem, aber wohin denn nun?" 
Bevor die Schöne antworten kann, hängt der Mann, ca. dreißig Jahre alt, guttrainiert, an der Reling. Matuschek fährt einen Peugeot als TAXI, Kombi, mit Reling, Matuschek ist Segler, hat auch einen BR- und einen Sportbootführerschein, findet die Reling (eigtl. Geländer auf einem Schiff) auch sehr hübsch, fragte sich allerdings immer, wofür die gut ist, jetzt weiß er es, zum dranhängen. 
Der Mann schaut durchs Sonnendach und schreit: "Steig aus!" 
Dabei haut er immer wieder vor die BeifahrerInnenscheibe. So geht das nicht, denkt Matuschek, das ist doch gefährlich, Matuschek fährt bestimmt schon 20 km/h, also hält er erst mal an. Geschafft, der Klettermaxe springt ab und geht einen Meter zurück. 
-: "Fahr weiter" 
-: "Ist aber sportlich dein Freund." 
-: "Fahr" 
-: "Okay" 
Matuschek fährt wieder an und denkt gerade, das es doch recht interessante Situationen im Taxialltag gibt, hält diese Episode aber für abgeschlossen, da hängt der Mann schon wieder an der Reling. Diesmal schreit er nicht nur, sondern tritt auch noch vor die Tür, sportlich gesehen keine schlechte Leistung. -: "Da muß ich nochmal anhalten." 
-: "Neinnn!" 
-: "Doch, ich kann ja nicht warten bis er runterfällt, wir sind hier doch nicht im Kino." 
Matuschek schaut nochmals durchs Sonnendach, sieht sehr erregt aus der junge Mann, schaltet die Warnblinkanlage ein und hält den Wagen an. Dann steigt er aus und stellt mit erschrecken fest, das dadurch alle Türen geöffnet wurden. Matuschek steht erstmal einfach so auf der Straße, der wütende Mann steht einen Meter entfernt und versucht zum Glück nicht die BeifahrerInnentür zu öffnen. Matuschek schaut zurück, wer alles hinter ihm steht, ein normaler Pkw aus dem zwei Mädel unverständig schauen, und dahinter, nein, Fügung des Schicksals, ein Streifenwagen, aus dem gerade zwei Streifenpolizisten krabbeln. 
Die Polizisten nehmen die Personalien von uns allen auf und bleiben solange da bis Matuschek mit der jungen Frau außer Sichtweite ist. 
Das war vor zwei Stunden, Matuschek sitz schon wieder 30 Minuten auf der gleichen Stelle, nicht viel los heute, aber da hört er plötzlich im Radio ein schönes Kabarettstückchen, den Namen des Kabarettisten hat er nicht ganz mitbekommen, aber das Stück ist einfach klasse, sinngemäß: 
U-Bahnstation, ein älterer Arbeiter mit Kappe im Blaumann und eine ca. vierzigjährige Frau, ganz in Baumwolle, Birkenstock Sandalen, Leinentasche aus dem Bioladen, asketisch, gesundheitsbewußt, warten auf die U-Bahn, in der U-Bahnstation ist Rauchen verboten. 
Der Arbeiter steht da und raucht. 
Frau:      "He sie, hier darf nicht geraucht werden." 
Arbeiter: "-" 
Frau:      "Hallo sie, hier ist rauchen verboten." 
Arbeiter: "-" 
Frau:      "Rauchen ist ungesund" 
Arbeiter schweigt und raucht. 
Frau:       "Passivrauchen macht krank." 
Arbeiter: "-" 
Frau:      "He, ich will nicht krank werden, sie dürfen hier nicht rauchen." 
Arbeiter: "-" 
Frau:      "Hallo sie, sie dürfen hier nicht rauchen, ich will leben, leben, leben." 
Arbeiter: "Warum?" 

Matuschek lacht, da geht auch schon die Wagentür auf, ein junger Mann steigt ein, Zigarette in der Hand. 

Mann:         "Darf ich hier rauchen?" 
Matuschek: "Neinnn, ich will leben, leben, leben.!" 
Mann:         "Schon gut, ich kann die Zigarette auch ausmachen." 
Matuschek: "Bitte, bitte, bitte." 
Der Fahrgast ist weg, Matuschek steht an der ARAL, Kaffee in der Hand und raucht.

© 1999 by ulrich prietz
Piercing

23:45 Uhr, etwas früh um sich vor dem cherry tree bereitzustellen, Matuschek hatte heute etwas eher, ca. 22:00 Uhr angefangen und für die erste Fahrt eine Stunde gewartet. Danach holte er sich einen Kaffee und dann, Kaffeebecher in der einen, Zigarette in der anderen Hand, fuhr er zurück zum Handelshof, dort standen sechs Droschken und so landete er vor dem cherry tree. 
Die "Lange Nacht" im Deutschlandfunk hatte heute das Thema "Fetisch", bis jetzt noch nicht besonders interessant. Matuschek spielte eine Runde "Snake" auf seinem Handy, eigentlich völlig idiotisch, da er aber gerade die eine Stunde Wartezeit zum Lesen verwendet hatte und gleichzeitig der langen Fetischnacht lauschte, war das eine gute Entspannung. 
Plötzlich klopfte es an der BeifahrerInnentür, da Matuschek als Zweiter vor dem cherry tree stand, der Mut der Verzweiflung, vor ihm stand ein stiernackiger jüngerer Taxifahrer, auf den ersten Blick eher unsympathisch, einen zweiten Blick, geschweige denn ein Gespräch, wollte Matuschek gar nicht erst riskieren, hatte er sich ganz in die Welt aus Radio und Telespiel begeben, deshalb zuckte er auch heftig zusammen, leider, das konnte er sich einfach nicht abgewöhnen. 
Matuschek blickte zum BeifahrerInnenfenster, dort schaute ein junges Mädchen herein, Matuschek zeigte mit dem Zeigefinger zum vorderen Taxi, darauf öffnete sich die BeifahrerInnentür. 
-: "Kann ich mit Ihnen fahren." 
-: "Eigentlich ist der Kollege vorne dran." 
-: "Mit dem möchte ich nicht fahren." 
Das konnte Matuschek irgendwie verstehen, er war heute auch etwas sentimental, erinnerte sich an die Zeit seiner Jugend, wo schonmal nette junge Mädchen gezielt bei ihm eingestiegen waren, aber das hier war ein anderer Kontext. 
-: "Steig ein, ist zwar unkollegial, aber survival of the fitest." 
-: "Bitte?" 
-: "Schon gut." 
Matuschek machte eine einladende Geste in Richtung auf den freien BeifahrerInnensitz. 
-: "Danke, zur Bottroper Straße." 
-: "Endlich mal was leichtes, kenn ich." 
Matuschek fuhr los, gab dem Kollegen ein Zeichen und murmelte was von "will mit mir fahren" in Richtung wartendem Kollegen, konnte der durch die geschlossene Scheibe sowieso nicht verstehen, war eigentlich auch völlig egal, da der Fahrgast (das geschlechtsneutral auszudrücken ist Matuschek bis heute nicht gelungen) sich das Taxi aussuchen kann, schreibt die Funk- und Fahrdienstordnung vor, genauso schreibt sie vor, das der Fahrer / die Fahrerin des ersten Taxis davon in Kenntnis gesetzt werden muß, tja ist eben Deutschland, Unkorrektheiten gibt es hier nur auf hohem Niveau. 
-: "Ich hab jetzt Geburtstag." 
Die Uhr zeigte 00:00 
-: "Schön, den achtzehnten wahrscheinlich, und warum feierst du den nicht im cherry tree?" 
-: "Zu teuer und außerdem habe ich Angst." 
-: "Musst du nicht." 
-. "Doch, heute morgen muss ich arbeiten und dann bekomme ich ein Augenlid- und ein Zungenpiercing." 
-: "Herzliches Beileid und herzlichen Glückwunsch zur Volljährigkeit." 
Matuschek trug seit seinem sechzehnten Lebensjahr einen Ohrring, war damals bei Männern so ungewöhnlich wie heute in dem Alter wahrscheinlich ein Zungenpiercing, aber ästhetisch. 
-: "Ja, muss sein." 
-: "Warum, versuchs doch erstmal mit einem Bauchnabelpiercing, das finde ich noch ganz vertretbar, sogar teilweise recht ästhetisch." 
-: "Hab ich schon." 
-: "Tja" 
-: "Ich habe Allen gesagt wenn ich 18 bin, lasse ich das machen." 
-: "Selber schuld" 
-: "Und jetzt habe ich Angst, vor allem vor dem Zungenpiercing." 
-: "Is klar, würde ich nie machen, finde ich völlig unästhetisch, was sagt denn eigentlich dein Arbeitgeber dazu?" 
-: "Och, das ist ein junger Rechtsanwalt, das ist okay." 
-. "Wohnst du noch zu Hause?" 
-: "Ja klar" 
-: "Und deine Eltern, was halten die von Piercing?" 
Matuschek ist seit sechs Jahren Vater und überlegt gerade was er dazu sagen würde, Augenlidpiercing fände er noch akzeptabel, Nasenpiercing völlig unhygienisch, aber okay, Zungenpiercing, ne, da würde er wohl monatelang diskutieren. 
-: "Meine Eltern, meine Mutter hat mir doch den Gutschein geschenkt, traust dich ja sowieso nicht, hat sie gesagt, und jetzt muss ich." 
-: "Tja jetzt musst du allerdings, vielleicht kannst du ihn ja nach ein paar Wochen wieder rausnehmen." 
Matuschek fühlte sich plötzlich sehr alt, auch sein pädagogisches Konzept geriet ins Wanken, was sollte er davon halten?

© 1999 by ulrich prietz
Zwei Flaschen Wein

-: "Bahnhof Süd"
-: "fünf - null - acht"
-: "Machen sie eine Besorgungsfahrt?"
-: "Ja"
-: "acht - dreiundzwanzig - neunundachtzig, Schmied, Robertastraße 7"
-: "Verstanden"
Erst jetzt merkte Matuschek das er das Handy den ganzen Abend noch nicht gesehen hatte, er öffnete das Handschuhfach, schaute in die Seitenablage, wühlte in dem Stapel von Blöcken und Papiertaschentüchern. Wahrscheinlich hat der Ismar es wieder mitgenommen, das passierte so alle vier bis fünf Wochen. Matuschek griff seine aus den alten Indien Tagen übriggebliebene Brieftasche und suchte die Telefonkarte, zum Glück gab es hier eine Telefonzelle.
-: "Ja bitte?"
-: "Guten Abend, was möchten sie denn haben?"
-: "Bitte?"
-: "Sie hatten eine Besorgungsfahrt in Auftrag gegeben."
-: "Ich, ah ja, ja, zwei Schachteln HB und ... zwei Flaschen Wein ..."
-: "Einen bestimmten Wein?"
-: "Ja, rot"
-: "Trocken, lieblich, italienisch, teuer, preiswert?"
-: "Ja, keinen italienischen, aber trocken ..."
-: "Einen französischen?"
-: "Französisch? Französisch ist immer gut, ja bitte zwei Flaschen."
-: "In Ordnung, dauert so circa zehn Minuten."
Die nächste Tankstelle war die Elf, zwei bis drei Minuten. Französisch ist immer gut, gesagt von einer nicht mehr ganz nüchternen, aber sehr angenehmen weiblichen Stimme, Matuschek dachte nach. Der Einkauf erwies sich als problemlos, es gab einen trockenen Bordeaux zu einem angemessenen Preis. Alles verpackt in einer Plastiktüte, ein Blick in den Stadtplan, Robertastraße, ach da, es waren nur drei Minuten. Eine kleine Wohnstraße, wo parken, dauert es länger, behindere ich den Verkehr, da ist eine Parklücke, nicht direkt vor dem Eingang aber auch nicht zu weit weg. Matuschek stellte den Wagen ab und ging zur Nummer sieben, die Plastiktüte in der Hand, wie war der Name nochmal, Schmied, Schmitt mit "i" und "tt" wie sich am Klingelbrett herausstellte, andere Schmiede gab es auf den vier Klingeln nicht.
Die schwere Holztür, wahrscheinlich Eiche, das Haus musste so um 1920-30 gebaut worden sein, ließ sich nach dem brummen des Türdrückers schwer, aber problemlos öffnen, nach der Anordnung der Klingeln wohnte Schmitt in der dritten Etage. Die ersten Stufen rauf, da hört Matuschek auch schon Schritte hinab kommen, schwer, unsicher, gar nicht weiblich und da sieht er "ihn" auch schon die Treppe hinabsteigen, Mitte vierzig, dick, ungepflegt, gar nicht zu der Stimme am Telefon passend.
Der Wechsel Plastiktüte gegen Geld erfolgte schnell und wortkarg, aber wohl zu beider Zufriedenheit. Die paar Stufen wieder runter, Matuschek saß wieder in seinem Auto und fuhr in die Nacht.

© 1999 by ulrich prietz