03 Ein Schickennest
Das Ferienhaus erwies sich als das Erwartete. Eine eigentlich positive Eigenschaft der Besitzerfamilie und wie Nachforschungen in den diversen Gästebüchern ergaben, auch fast aller Ferienhausbenutzer, war die Liebe zum Hund. Matuschek hat nichts gegen Hunde, ihm sind seine Katzen allerdings lieber, haben eben einfach Charakter und sind auch pflegeleichter, der Daueraufenthalt diverser Bellos, Sams und Charlies stellte dann den olfaktorischen Sinn aller Anwesenden auch auf eine harte Probe. 
Sonst erwies sich die Insel sturmbewährt wie immer, kaum der Dünendeckung entstiegen, wurde man auch schon gepackt, Windstärke 4-5 ist am Strand üblich, üblich sind auch die ausgedehnten Strandspaziergänge, das gute Essen und die gute Luft. 
Hinzu kamen diesmal TV-Sessions, Kinderkanal, hatten wir zu Hause, zu dieser Zeit noch nicht, und die doch recht regenreichen Tage rechtfertigten das schon. Matuschek sah zu Hause vielleicht alle drei Wochen mal einen "Tatort", Jule jeden dritten Tag mal die Sesamstraße, Undine jeden Tag 30 Minuten Irgendwas zum Entspannen, Matuschek hatte sich schon oft gefragt, ob das die über DM 80,- pro Quartal wert ist, ehrlich wie er ist, zahlt er nämlich seine Rundfunk- und Fernsehgebühren. 
Auch neu war Jules Liebe zu Pferden, es gibt aber auch kaum ein Haus, oder ein Stück Wiese auf dieser Insel, wo nicht ein zwei Pferde grasen. Die ersten beiden Tage traute sie sich kaum die Pferde, auch nicht die ganz kleinen Ponys, zu füttern, ab dem dritten hatte sie eine Pferdefreundin, leider gleich um die Ecke, so musste Matuschek jede Stunde mit einem Apfel, einer Karotte, einer Scheibe Brot und Jule raus, bei jedem Wetter, und die Pferdefreundin füttern. Am vierten Tag entdeckte Jule eine Pferde Ranch am Strand und ab da nervte sie, bis sie am fünften Tag zwei Stunden auf Ronya, dem liebsten Pony der Pferde Ranch saß. Das ganze nannte sich Anfängerreiten oder so ähnlich. Undine war es wie immer zu peinlich, so trabte Matuschek neben der hoch zu Pony sitzenden Jule in einer Gruppe von ca. 16 Pferden und Ponys durch Strandseen, Salzwiesen und Flugsanddünen. Neben einem anderen Papa, dessen Sohn schon zum zweiten Mal teilnahm, schon aufgerückt auf Amadeus, beim ersten Mal saß er auf Ronya, und einem älteren Mann, dessen Enkel, Tochter, Schwiegersohn und wer weiß wer noch, hoch auf dem Rücken der Pferde saßen, war Matuschek der einzige Fußgänger. Zum Glück hatte er sich am Anfang der Woche ein Paar Gummistiefel gekauft, die ersten seit bestimmt 20 Jahren, jede Exkursion der Biologen hatte er tapfer in seinen Boots überstanden, aber diesmal war es zu kalt um barfuß am Strand zu laufen. Während vorne die Reitlehrerin das Zügelhandling erklärte, schrie Jule bei jedem Versuch Matuscheks die Zügel auch nur für ein paar Sekunden loszulassen um sich eine Zigarette zu drehen, laut auf. Jule machte alle Übungen eifrig nach, nur gab sie Ronya nie eindeutig zu verstehen in welche Richtung sie den gerne wollte, Matuschek hielt ja auch noch die Zügel in der Hand, so war es selbst für das liebste aller Ponys schwierig der Gruppe zu folgen, was es sehr gerne und brav getan hätte, ließe man es nur frei laufen. Irgendwie gelang es aber Matuschek die Gruppe nicht nur nicht ganz aus den Augen zu verlieren, sondern sich dabei sogar noch eine Zigarette zu drehen und diese auch zu rauchen. Als man die Pferde Ranch nicht mehr sehen konnte, standen plötzlich alle anderen Pferde im Kreis und die Reiterinnen machten merkwürdige Übungen, als sie damit fertig waren, trafen auch Jule, Matuschek und Ronya ein und zügig gings zurück. 
Seitdem hält Jule sich für die mindestens drittbeste Reiterin, nach Bibi und Tina ... auf Amadeus und Sabrina, bis jetzt hat Matuschek es dabei belassen.
Das reetgedeckte Holzhaus mit unbeschränktem Naturgrund war also soweit genau das was Matuschek erwartet hatte, auch ein Kaminofen war vorhanden, Matuschek hatte aber seit sechs Jahren ein kleines Häuschen mit einem Kaminofen, der wirklich zum Heizen benutzt wurde, von daher war die Begeisterung nicht ganz so groß wie bei den zentralbeheizten Großstädtern. Die Heizsaison hatte zwar gerade erst begonnen, aber Matuschek kannte nur zu gut das Ritual des Holz nachlegens und Asche entfernens, meistens heizte er allerdings mit Braunkohlebriketts, im Oktober Ofen an, alle sieben Tage die Scheiben gereinigt, täglich Asche entleert und im April dann endlich den Ofen ausgehen lassen. Auch diese sieben Inseltage gingen zu Ende und ...

Frisch erholt verweilten Matuschek, Undine und Jule jetzt schon zwei Stunden im Joshua-Stift, dank der preussischen Tugend der Pünktlichkeit, darauf legt Matuschek großen Wert, waren sie schon dreißig Minuten vor dem Termin hier, die anderen neunzig Minuten verbrachte Matuschek zum Teil damit, die Pforte, hier durfte geraucht werden, und weite Teile des Stiftes zu inspizieren. Der kleine westfälische Ort Schickennest, von weitem schon an dem Kirchturm und dem Turm des Joshua-Stiftes zu erkennen, der Park, das Café, die Atmosphäre, die daherwandelnden Menschen, alles erinnerte, wahrscheinlich aus Mangel an eigener realer Krankenhauserfahrung, Matuschek an den Zauberberg. Den Gedanken hier zu verweilen, für Tage oder Wochen, wenn auch nicht als Patient, sondern als Betreuer, fand Matuschek nicht so absurd wie erwartet, eine kleine Notgemeinschaft, losgelöst vom Alltagsbetrieb, zusammengeführt durch die Krankheit, hatte etwas literarisches, dramatisches. 
"Ich doch nicht, das ist nur eine Episode, hier gehören wir nicht hin." 
Die junge Frau, die gerade die Pforte passierte, schaute Matuschek irritiert an. Matuschek führte eigentlich selten Selbstgespräche, laut eigentlich nie, irgendwie war die Situation daran schuld. 
"Guten Abend" 
Das auch noch, die Sonne stand fast im Zenit, nur um etwas zu sagen war es Matuschek herausgerutscht, die Frau ging kommentarlos weiter, Matuschek zurück in den Wartebereich von Dr. Schwaner.

"Familie Blumenthal, bitte treten sie ein", sagte durch die geöffnete Tür ein sympathischer Vollbart.
Als Jule und Undine aufstanden merkte Matuschek das sie dran waren, die bourgeoise Institution der Ehe vehement verneinend brauchte Matuschek immer drei vier Sekunden bis er sich angesprochen fühlte, Jule hieß nun mal mit "Hinternamen" Blumenthal. 
Ein kräftiger Händedruck, "Schwaner", das kannte Matuschek noch von seinem Studium, eigentlich ist er kein Händeschüttler, aber Kalle Hottes, seines Zeichens Institutsleiter legte immer großen Wert darauf. 
"Matuschek, angenehm", ein kräftiger Händedruck, eine  leichte Irritation, ein kurzer Blick auf die Akte, die die Vorzimmerdame Frau Feige angefertigt hatte, ein Aufatmen als Undine sich mit Blumenthal vorstellte. 
"Äh, ja, ihre Tochter hat eine rheumatische Erkrankung?" 
"Nein", Matuschek hatte sich nach dem Verdacht, ausgesprochen durch den Orthopäden Dr. Reuler, mit Literatur versorgt und konnte es nicht ganz ausschließen, aber das musste er ja nicht sofort sagen. 
"Wir sind hierhin überwiesen worden, zur Abklärung", sagte Matuschek. 
"Wann?", fragte Dr. Schwaner. 
"Vor ca. sechs Wochen." 
"Früher ging es nicht?" 
"Von unserer Seite schon, aber Frau Feige hatte keinen früheren Termin." 
"Ja, machmal ist es etwas eng." 
Matuschek betrachtete erstmal, das von der Farbwahl und dem Design her doch recht unkonventionelle Waschbecken, Jule hatte seiner Meinung nach kein Rheuma und nur das sollte jetzt bestätigt werden. 
Dr. Schwaner stellte einige Fragen zur Anamnese und anderen Auffälligkeiten, dann bat er Jule sich auszuziehen und auf die Untersuchungsbank zu legen, was diese auch brav tat. Alle Gelenke kompetent durchbewegend, dabei einen Winkelmesser  virtuos handhabend, untersuchte Dr. Schwaner Jule vom Schulter - bis zum Sprunggelenk, auch so Gelenke wie das "Daumengrundgelenk" die Matuschek noch nie bewußt wahrgenommen hatte. Seinen Erläuterungen musste Matuschek leider beipflichten. Die linke Hüfte war eindeutig in ihrer Aussenrotation eingeschränkt, der Daumen konnte eine gewisse Spreizung nicht mitmachen und ein Fuß schien wirklich kleiner als der andere zu sein. Richtig reifen Respekt bekam er als Dr. Schwaner ihn darauf hinwies, das Jule den Mund beim Öffnen stark verschob, was evtl. auf einen Befall des Kiefergelenkes hindeute, das machte Jule wirklich Lehrbuchhaft und Matuschek verstand nicht, warum ihm, aber auch niemand anderem sonst, das je aufgefallen war. 
In der Sonographie wurden dann die Hüft-, Hand-, Knie- und Sprunggelenke durchdrungen, Matuschek sah wie immer in dem monochromen leicht pulsierenden Gewabber auf dem Monitor nichts, aber es war wohl eine Entzündung in der linken Hüfte und im rechten Daumen, eine ganz leichte wohl auch im rechten Handgelenk. 
"Hier schreibe ich ihnen erstmal ein Rezept "Naproxen" 2 x 2,5 ml täglich und ein Rezept 10 x Krankengymnastik, den nächsten Termin machen wir dann stationär." 
Matuschek wollte gerade fragen was "Naproxen" ist, da hörte er den Schluß des Satzes. 
"Äh, stationär, das heißt doch mit schlafen?" Matuschek gab sich immer Mühe kindgerecht zu übersetzen. 
"Ja" 
"So ein zwei Tage?" 
"Nein, eher so ein zwei Wochen." 
"Ach ja, und wann dann?" 
"So bald wie möglich, das machen sie bitte mit Frau Feige ab." 
Ne, dazu bin ich zu feige, dachte Matuschek, lies sich aber nach der Verabschiedung dann doch einen ungefähren Termin und einige Erklärungen von Frau Feige geben, die Lern Station schauten sie sich heute aber nicht mehr an. Jule hatte gleich einen Termin, Kindergeburtstag, der Termin in Schickennest war ja nur als Pflichtbesuch geplant. Vorher fuhren sie aber noch  zu einem Superladen und kauften Gefrierbeutel und drei Pfund Trockenerbsen, daraus sollten drei Kühlelemente hergestellt werden, denn ab heute wurden die betroffenen Gelenke dreimal täglich 20 Minuten lang gekühlt. Matuschek konnte die von Dr. Schwaner gestellte Diagnose zwar nicht wirklich akzeptieren, rational sprach aber alles für eine "juvenile idiopathische Arthritis" eine im jugendlichen Alter selbständig (oder nach der neuen Schreibung "selbstständig"), aus sich heraus, entstandenen Gelenkentzündung. Matuschek musste an seinen alten, längst verstorbenen Vater denken, und an eventuelle Prädispositionen. Bei ihm stand das Fläschchen "Rheumyl" immer auf dem Nachttisch, Matuschek hatte ihm oft den Rücken eingerieben, aber als altes Schleckermaul undJanosch, Cholonek,oder der liebe Gott aus Lehm Bergmann, fast dreißig Jahre unter Tage, handelte es sich hier wohl eher um die sogenannte "Gicht", eine Störung im Harnsäurestoffwechsel, oder eine Arthrose.

Was es heißt "Bergmann" zu sein, hat Horst Eckert in "Cholonek" eindrücklich beschrieben: "Alles ist Mist. Aber dann möchte man sich manchmal auf die Erde setzen und sich vor Freude ins Hemd weinen." In dieser derben Zelebration oberschlesischen Überlebenskampfes kriegen sie alle ihr Fett ab. Und man versteht: Ohne diesen Hintergrund wären Janoschs Kinderbücher nicht möglich.

Das die "Gicht" auch in den großen rheumatischen Formenkreis eingebettet ist, sollte noch zu vielen unerquicklichen Diskussionen, gerade im Umfeld von Jules Walhalla Kindergarten führen. Stoffwechselstörungen, das Wort impliziert es ja schon, können durch Ernährungsumstellungen, wenn nicht beseitigt, dann aber positiv beeinflußt werden. Bezeichnenderweise waren es gerade die übergewichtigen, sich vegetarisch ernährenden Frauen, und die hageren verbrämten Männer, die partout keine diffizilen Unterscheidungen treffen wollten: "Rheuma ist Rheuma, und der Mensch ist das, was er ißt."

Wenn es nur immer so einfach wäre, Matuschek hatte einfach Vertrauen zu Dr. Schwaner und machte alles wie aufgetragen, kühlen, Naproxen und Krankengymnastik, glücklicherweise fand er für Jule eine einfühlsame, kompetente Krankengymnastin, zu der Jule gerne geht. So ist die Krankengymnastik ein Event wie Freundinnen treffen, Reiten, etc. aber erstmal wird Jule sechs und drei Tage später Mitglied der Wunderwiese.

> 04 Wieder St. Martin