Die Zeit ist schwer zu fassen, zwei Tage vor dem 11.11. und
drei Tage nach Jules sechstem Geburtstag, morgens um kurz vor zehn Uhr,
betraten Matuschek und Jule die Eingangshalle vom Joshua-Stift, bepackt
mit zwei großen Reisetaschen und einer inneren Eingebung folgend,
Laterne. Ole, Jules Erzieher im Kindergarten hatte diese zusammen mit
den Kindergartenkindern gebastelt und sie sah wirklich sehr schön
aus.
Die Anmeldung war vollzogen, Matuschek und Jule gingen einen
langen Gang entlang, am Ende ein Fahrstuhl und eine Treppe,
höchstens 10 Stufen um den Höhenunterschied des leicht
abfallenden Geländes auszugleichen. Matuschek wollte trotz der
zwei Reisetaschen laufen, Jule Fahrstuhl fahren. Kurz bevor sich die
Fahrstuhltür öffnete kam eine Horde Kinder auf pedallosen
Fahrrädern heran und drängte sich dann, durch die jetzt
geöffnete Tür, an Matuschek und Jule vorbei in den Fahrstuhl.
Als alle drin waren fand sich Matuschek vor der Schalttafel
wieder.
"Und jetzt, wo wollt ihr denn hin?"
"Z", schrien mindestens fünf Kinder.
"Z, wie Zwischengeschoss", erklärte eines der
größeren Kinder.
Matuschek drückte Z, dies würde er noch sehr oft
tun. Weiter gings, eine große
Tür
öffnete sich selbsttätig, der Gang schien endlos lang. Eine
Doppeltür, eine Reihe Schaukästen, ein großer Vorraum,
die Lern Station. Ein Glashaus barg mehrere Weißkittel, stellen
wir uns mal davor. Schwester Ula nahm uns dann auf, geleitete uns ins
Zimmer 68. Das Zimmer 68 wirkte auf den ersten Blick wie ein Raum eines
Jugendzentrums der Alt 68er, sehr groß, sehr hohe Decken, eine
große Glasfassade zur Terrasse, statt Graffities, Janoschs
kleiner Tiger und kleiner Bär in Plakafarben
überlebensgroß, ein riesiger Schrank aus den sechzigern,
getopt von einem Monstrum von Fernsehapparat, zwei große
kindgerechte Tische, will sagen, so niedrig, dass normalwüchsige
Erwachsene spätestens nach zwanzig Minuten Kreuzschmerzen
bekommen, diverse Stapelstühle, zwei Größen, für
die Großen und die Kleinen, zwei riesige Einbauschränke und
fünf Betten, nebst
Nachtschränkchen, brav an einer Wand aufgereiht, dazwischen
standen überall pedallose Fahrräder. Zwei Betten waren
belegt, so hatten wir die Qual der Wahl, Jule entschied sich für
das erste, dem Einbauschrank vis-á-vis. Nach der Beantwortung
diverser Fragen und einer Einleitung in die Essensbestellung via
speziellem Marker und Karteikarten für Frühstück,
Mittag- und Abendessen durch Schwester Ula, hätten wir jetzt Zeit
den Schrank ein-, vielmehr die Reisetaschen
auszuräumen, wenn nicht die beiden temporären
Mitbewohnerinnen nebst diversen Bekanntschaften im Zimmer 68 gerade
eine Rallye, unterbrochen von den unmöglichsten Fragen an uns,
veranstalten würden.
Als Matuschek die ersten drei Socken in den Schrank
geräumt hatte, ging die Tür auf und Tabletts wurden zum Tisch
getragen, Mittagessen, da die Krankenhausküche zwei Tage Vorlauf
braucht, hatte irgendwer für Jule irgendwas angekreuzt. Das
Ergebnis war entsprechend, Jule aß vielleicht zwei Gabeln
Hauptgericht, einen Löffel Vorsuppe und einen kleinen Löffel
Nachtisch, in Anbetracht der neuen Situation hätte sie aber
wahrscheinlich auch nur zwei Spaghetti mit Tomatensoße und
Parmesankäse gegessen, da Matuschek die Witterung positiv
beeinflussen wollte aß er alle Teller und Schälchen brav
leer. Nach der
zweiten eingeräumten Hose, die Reisetaschen waren schon zu fast 5
% geleert, kam ein Eimer vors Bett, mit drei Eisbeuteln und einem
kleinen
gefrorenen Luftballon. Die beiden erfahrenen Bewohnerinnen lagen schon
im Bett und ihre Eisbeutel wurden von den Müttern fachgerecht
angelegt.
Kurz nach Matuschek und Jule waren Theresa und ihre Mutter, auch das
erste
mal, hier waren die Knie betroffen, in das Zimmer gekommen, die beiden
wurden auch mit zwei Eisbeuteln beglückt und standen zwei Betten
weiter
genau so unentschlossen vor dem Eimer. Da kam Schwester Ula, brachte
Tücher mit, in die die Eisbeutel eingehüllt wurden, "Husch
ins Bett" und legte sie auf die betroffenen Gelenke von Jule, der
gefrorene Luftballon enpuppte sich als Kiefergelenkkühlelement.
Matuschek begriff erst
ganz langsam das er jetzt 20 Minuten Zeit hatte, er könnte die
Reisetaschen weiter auspacken, er könnte sich aber auch zur Pforte
schleichen,
oder auf die Terrasse gehen und endlich mal eine Zigarette
rauchen.
"Ich gehe mal eine Rauchen."
"Nein!"
"Wohl"
Soviel Freiheit musste sein, beim Gang zur Pforte fand
Matuschek sogar noch einen Kaffeeautomaten und war erst mal
glücklich.
Matuschek legte gerade das erste Sweatshirt von Jule in den
Schrank, da kam Frau Dr. Corolski ins Zimmer:
"Kommen sie dann mit zum Aufnahmegespräch."
"Haben wir eine Wahl?"
Schon war sie weg, ihr Satz war aber auch nicht als Frage
formuliert, Matuschek holte Jule, die sich bis auf zwei Meter an
Theresa herangeschlichen hatte und ging hinterher. Das
Aufnahmegespräch dauerte eine knappe Stunde. Als Matuschek das
zweite Sweatshirt in den Schrank gelegt hatte, kam eine Schwester und
nahm sie mit zur Blutabnahme. Matuschek war gerade auf halbem Wege mit
dem dritten Sweatshirt, da hörte er eine Stimme.
"Hallo ich bin die Tini, wir machen jetzt den St. Martinszug
durch das Joshua-Stift, alle Kinder und Eltern treffen sich in
fünf Minuten vor dem Spielzimmer."
"Nein, Martinstag ist erst übermorgen"
"Papa"
"Ja los komm, woher wusstest du, dass du die Laterne
brauchst?"
"Tja"
Es folgten 90 Minuten laufen durch das Joshua-Stift und das
anschließende Altenheim, Treppe rauf, Treppe runter, endloslange
Flure entlang, mindestens dreizehn Kinder und elf Erwachsene, ein
Krankenbett war auch dabei,
was die Prozedur nicht gerade beschleunigte, ab und an klangen
Martinslieder auf, tapfer gesungen von Tini und ein paar Kindern und
Erwachsenen. Die
Flure im Altenheim waren klinisch rein, strömten aber einen
unangenehmen Geruch aus, plötzlich stockte der Trupp und Mensch
für Mensch betraten wir einen größeren Raum. In der
hinteren Hälfte schliefen viele ältere Menschen in ihren
Rollstühlen, wir setzen uns davor auf den Boden, es galt aber
nicht die alten Menschen in ihrem süßen Schlaf zu
betrachten, sondern vor uns erschien jetzt der Schickenhorster
Kindergarten und führte "Martin der Schuster" auf.
Matuschek und Jule kannten die Geschichte nach einer Legende
von Leo Tolstoi gut, Matuschek hatte sie bestimmt schon zehnmal
vorgelesen und dabei mit Jule die wunderschönen Bilder von
Masahiro Kasuya betrachtet, das war auch gut so, die Kinder machten
ihre Sache zwar ausgezeichnet, waren sowieso alles propere Kinder, die
gut in Jules Walhalla Kindergarten gepasst hätten, auch die
Erzieherin gab sich große Mühe, aber wer die Geschichte
nicht kannte, hat sie wahrscheinlich nicht verstanden.
Als Matuschek so im Schneidersitz saß und lauschte,
reifte ein Plan in ihm heran, er hatte eigentlich vor heute Nacht im
Schwesternwohnheim zu nächtigen, ein preiswertes Angebot für
die begleitenden Erziehungsberechtigten, viele kommen von sehr weit
her, Matuschek wohnt aber nur 40 km entfernt, er überlegte wie es
wäre auch heute schon nach Hause zu fahren, ein zwei Glas Rotwein
vor seinem Computer zu trinken, zu rauchen, ein
paar eMails zu verschicken und morgen das Buch Martin der Schuster
mitzubringen, er fand den Plan gut und war sofort besserer Laune.
Nach der Belohnung für die Aufführung, eine
Martinsbrezel, wurde noch kurz Dr. Schwaner besucht, die Kinder sangen
in seinem Reich ein St. Martins Lied, welches, weiß ich jetzt
nicht mehr und wurden dafür mit Leckerlies belohnt, gerade bei den
älteren Kindern sah man wie gern sie Dr. Schwaner hatten, alles
erinnerte Matuschek an den Zauberberg, Dr. Behrens und seine
Schützlinge, dann ging es zurück auf die Lern Station. Hier
gelang es Matuschek nicht nur Jules Reisetascheninhalt im Wandschrank
zu verstauen, er kam auch in ein Gespräch mit Theresas Mutter
über Theresas Leiden, Jule und Theresa kamen sich auch langsam
näher. Nach dem Abendessen kamen die abendlichen Eisbeutel, jetzt
wurde der Fernsehapparat eingeschaltet, Nils Holgerson sollte Jule und
Matuschek jetzt jeden Abend, außer Samstag und Sonntag, begleiten
und auch bewirken, dass
Matuschek nach dem Aufenthalt im Joshua-Stift zu Hause eine
Satellitenempfangsanlage installieren würde, damit Jule und er
beim abendlichen Kühlen auch weiterhin dem Kinder Kanal beiwohnen
können. 19:00 Uhr Kika
wünscht nach dem Sandmännchen "Gute Nacht", es folgen Zähneputzen,
Katzenwäsche, Medikamenteneinnahme, Bettgeschichte, als
Jule fragt warum sie heute Nacht hier schlafen müsse,
überlegt Matuschek kurz sie einfach mitzunehmen und morgen
früh wieder ins Stift Bett zu legen, verwirft dann aber tapfer den
Gedanken, verabschiedet sich von Jule, schleicht sich raus, schaut nach
10 Minuten noch mal rein, eine Mutter sitzt noch bei
ihrem Kind, die anderen schlafen oder liegen zumindest ruhig in ihren
Betten.
Er läßt sich noch von der Nachtschwester beruhigen, gibt ihr
seine Handynummer und fährt kurz nach Hause.
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