Der Wecker piepste um 5:30 Uhr, Punkt 7:00
Uhr stand Matuschek vor dem Stift Bett, Jule war schon wach und mit der
Nacht leidlich zufrieden. Zwei Schwestern wuselten im Zimmer herum, maßen
Temperatur im Ohr, Blutdruck, legten Kühlbeutel an, eine Mutter
war schon da und die anderen trudelten jetzt langsam ein. Matuschek zeigte
Jule das Buch "Martin der Schuster" und las etwas vor, sie hatte die Kühlbeutel
schon angelegt bekommen und musste nun wehrlos zuhören. Nach ca.
10 Minuten kam das Frühstück, allgemeine Hektik setzte ein, Kühlbeutel
ab, Bademantel und dicke Socken an und ab zum Tisch. Hier ging es eigentlich
recht unharmonisch zu, alle Kinder wollten gerade das nicht essen, was
da war und genau das tun was sie noch nicht konnten, z.B. Kakao einschenken,
auch für Erwachsene mit den stifteigenen Kannen keine leichte Übung,
Berge von Papiertaschentüchern sogen die Kakaopfützen auf.
Matuscheks phlegmatische Natur kam ihm auch hier zu gute, so lange und
reichlich frühstückte er zu Hause nur selten. Die Mütter
waren jetzt fertig, die Kinder angezogen, Matuschek und Jule hatten das
Badezimmer für sich und waren in fünf Minuten fertig, gerade
rechtzeitig.
"In fünf Minuten treffen sich alle Kinder die in die Kältekammer
gehen vor dem Spielzimmer", weg war sie, die Tini.
Matuschek kramte Jules Tagesplan hervor, jau, Kältekammer
war auch gemarkert.
"Ihr wart da ja auch noch nicht, oder?"
Theresas Mama schaute genauso wie Matuschek.
"Jule, los komm, wir gehen in die Kältekammer."
"Ich möchte aber fahren."
"Du hast doch noch kein Fahrrad, wahrscheinlich bekommst du das
heute Nachmittag."
"Oh!"
"Ruhe, los"
Vor dem Spielzimmer standen schon sieben Kinder und eine Mutter,
als wir dazukamen ging es los. Erst den scheinbar endlosen Gang bis zum
Fahrstuhl, dort passten natürlich nicht alle Kinder samt Fahrrädern
hinein, dann ein Zwischengeschoss runter in den Keller, K drücken,
dort ist auch das Schwimmbad.
Unten ging es erst mal in einen Vorraum, dort bekommen alle, Handschuhe,
Ohrenschützer, Mundschutz und beim erstenmal eine Karte, hier werden
die Zeiten eingetragen. Die erwachsenen Patienten gehen in Badekleidung,
die Kinder in normaler Kleidung in die Kältekammer, bei jedem Türöffnen
strömen, neben kalten Dämpfen, vier bis fünf Personen
in den Vorraum. Die Kinder gehen eigentlich zusammen mit einer Erzieherin,
da es aber heute das erste Mal war und Matuschek mit Jule auch etwas zurückgefallen
war, der Mundschutz wollte nicht so sitzen wie er sollte, ging Matuschek
mit.
"Aber nur in die Vorkammer."
"Mmh mmh", klang es unter Jules Mundschutz hervor.
Die Tür wurde geöffnet, vier fünf Gestalten hopsten
heraus, immer Laufen, immer Laufen, Jule, Matuschek und andere gingen
hinein. Als der Nebel sich lichtete, erkannte Matuschek Theresa und ihre
Mutter. Als Phlegmatiker bewegte Matuschek nur ein wenig seine Beine, soll
man machen, Jule und Theresa hopsten lustig hin und her, schien ihnen
Spaß zu machen.
"Dreißig Sekunden"
Kalt waren die -60 Grad C in der Vorkammer eigentlich nicht, in
der Hauptkammer herrschen -120 Grad C, aber so ganz toll fühlte
sich Matuschek eigentlich auch nicht, das lag wahrscheinlich am Mundschutz,
mochte Matuschek noch nie, und dem eher flachen Atmen. Er versuchte aus
dem Fenster zu schauen, konnte aber kaum was erkennen. Als Anfänger
muss man nicht sofort drei Minuten drinbleiben, war gesagt worden, Matuschek
überlegte ob er mit dem nächsten Schwung, der aus der Hauptkammer
via Vorkammer nach draußen huschte, mit sollte. Da riß die
Kältekammerfrau die Tür zur Hauptkammer auf, einige Gestalten
mehr drängten sich jetzt in der Vorkammer, als es gerade eng werden
wollte, wurde die Tür zum Vorraum aufgedrückt, einige raus, Tür
zu, Matuschek hatte es nicht geschafft.
"Zwei Minuten"
Na dann hältst du eben durch, und so war es auch.
"Drei Minuten"
Matuschek schwamm mit dem Strom nach Draußen.
"Das macht ja Spaß!", Jule war ganz begeistert.
"Mmh"
Im Vorraum standen mindestens 20 Erwachsene rum, alle in Badekleidung
und mit Mundschutz versehen, so dass es kaum ein Durchkommen gab, irgendwann
schafften es die beiden aber doch, gaben Handschuh und Ohrschützer
ab, behielten den Mundschutz und ließen stolz auf Jules Karte drei
Minuten Vorkammer eintragen. Direkt vor der Tür gab es einen kleinen
Fahrstuhl der in den Bettenturm führte, stieg man auf E aus, war man
fast direkt am Kaffeeautomat, Jule bekam einen Kakao, Matuschek einen Kaffee,
und als sie bei +3 Grad C vor der Pforte standen, Matuschek rauchte eine
Zigarette, fanden sie es fast zu warm.
Jule war jetzt 24 Stunden hier, Matuschek dachte, na ja, noch acht oder
neun Tage, dann ist auch das überstanden und ging mit Jule zur Krankengymnastik.
Dort wurde sie von einer Caro erst mal durchbewegt, der genaue Therapieplan
war noch nicht erstellt, so bildete sich die Physiotherapeutin erstmal ihr
eigenes Bild, dass sie dann in der Besprechung mit den Ärzten einbringen
konnte. Jule machte auch das Spaß, zumal sie nach der "Behandlung"
ein Therapieheft bekam, in das sie nach jeder Sitzung einen Sticker, den
sie sich aus hunderten von Stickern aussuchen konnte, einkleben durfte. Tja,
so behandelt man kindgerecht. Matuschek, gläubig, aber konfessionslos,
bekam immer mehr Achtung vor dem Joshua-Stift.
Die jetzt folgende freie Zeit bis zum Mittagessen wurde nur kurz von
Frau Meyer unterbrochen, "Du bist die Jule, wann machen wir denn Unterricht?"
Matuschek sah Jule an, Jule sah Matuschek an. Matuschek hatte schon die selbstgedrehte
Zigarette hinter dem Ohr und wollte gerade ... na ja.
"Matuschek, Igor, sie wünschen?", stellte sich Matuschek brav vor
und reichte Frau Meyer die Hand. "Meyer, angenehm, in welche Klasse geht
ihre Tochter denn?", bekam er zur Antwort. Frau Meyer hatte sowas strenges,
also nahm Matuschek, eigentlich ja Pazifist und Kriegsdienstverweigerer,
Haltung an und sagte:
"In die Sonnengruppe, Walhalla Kindergarten, jawohl!"
"Dann ist sie noch kein Schulkind?"
"Nein, jawohl!"
"Dann braucht sie ja gar nicht in meinen Unterricht."
"Nein, jawohl!"
"Dann ist meine Liste nicht ganz richtig."
"Nein, jawohl!"
"Ja, wo ist denn dann die Theresa?"
"Nein, jawohl, äh, außer Haus, jawohl!"
"Na, lassen sie's mal gut sein.", hätte Matuschek jetzt erwartet,
Frau Meyer, die sich bei späteren Aufenthalten, als Jule ein Schulkind
geworden war, dann doch als sehr nett offenbarte, sagte aber,
"Dann entschuldigen sie mal, und dir noch viel Spaß hier."
dabei sah sie Jule ganz lieb an.
Matuschek sah Jule auch ganz lieb an, und als Frau Meyer gegangen war,
sagte er:
"Jetzt muss ich aber eine Rauchen im Park, kommste mit?"
"Klar"
Das Mittagessen verlief wie immer, alle wollten das essen was die anderen
hatten, Jule aß verdammt wenig. Nun ist Matuschek als Vater ja nicht
objektiv, aber er schob schon den mangelnden Appetit zum größten
Teil auf die Umstände. Jule guckte und guckte, da kann man ja nicht
essen. Schon kam auch eine Schwester daher, mit den in kleine Ampullen aufgezogenen
Medikamenten, und drückte den Inhalt in die jeweiligen Münder,
den Kindern schien das Spaß zu machen. Dann gings zum Kühlen der
betroffenen Gelenke mit Stickstoff (-90 Grad C), Stempel in den Wochenplan,
dann die obligatorischen Eisbeutel, dann gingen alle Schwimmen. Matuschek
überlegte gerade, ob sie da auch hingehen sollen, und ob er überhaupt
Badezeug dabei hatte, da stand doch irgendwas in der "Einladung", als er von
Tini, die Jule zum Fahrradanpassen abholen wollte, aus seinen Gedanken gerissen
wurde.
"Ich will aber schwimmen!" Jule hatte vor zwei Wochen ihr
Seepferdchen gemacht, mit Mama, Matuschek zeigt sich nicht gern in öffentlichen
Bädern, und kann als "Wasserratte" bezeichnet werden. "Jule, morgen,
vielleicht, ich muss da erst noch Frau Dr. Corolski fragen.", sagte Matuschek
und ging schon mal mit Tini Richtung Fahrradkeller. Jule folgte widerstrebend.
Aus über vierzig Rädern, alle ohne Pedale, fanden sie dann ein
himmelblaues für Jule, und diese war glücklich. Matuschek auch,
er mag keine Hallenschwimmbäder. Zurück im legendären 68 Zimmer,
die Schwimmerrinnen waren auch wieder da, wollte Matuschek endlich mal mit
Theresas Mama ein paar Worte wechseln, Anamnese und so. Sie hatten sich an
einen der kleinen Tische gesetzt mit einem Stück Kuchen, das die Kinder,
die jetzt endlich Kontakt aufnahmen, ihnen besorgt hatten, "Der Kuchen ist
nur für die Patientinnen", als Viola das Zimmer betrat. Nimmt es denn
kein Ende?
"Hallo, ich bin die Viola, gleich um 16:00 Uhr ist Musiktherapie, alle
die mitmachen wollen, treffen sich vor dem Glaskasten."
Viola machte das sehr gut, bei zehn Kindern zwischen drei und elf Jahren,
drei Mamas und einem Papa gar nicht so einfach. Etwas aus dem Konzept gebracht
wurde sie bei einer Winterbilderserie, sie zeigte einen stilisierten Schneemann,
und auf die Frage, "Was ist das?", antworteten mindestens sechs Kinderstimmen
lauthals, "Arctos". Na ja, Viola hat wohl keine Kinder, so führte sie
ein älteres Kind kurz in die Welt von Tabaluga ein, der Vortrag war
auch für Jule und Matuschek sehr interessant.